Die Referenten des Campfires am DÖAK zur Frage wie geht es dir an HIV Patienten im Arztgespräch

Empowerment von Menschen mit HIV:„Wie geht es Dir?“ – Chance oder Büchse der Pandora?

„Wie geht es Dir?“ - diese auf den ersten Blick sehr einfache Frage birgt vor allem im Arztgespräch ordentliches Konfliktpotenzial. Sie als Ärzt*in zu stellen kann ein Problem sein, genauso kann es aber auch als Patient*in schwierig sein, diese Frage zu hören. Darüber diskutierten Harriet Langanke und Sebastian Süß im Rahmen eines von ViiV Healthcare organisierten virtuellen Campfires beim Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress (DÖAK) mit Ian Parrington-Fester, Wolfgang Vorhagen, Jan Großer und Anette Strehlow. Mehr als 60 Teilnehmer*innen hörten zu und brachten sich ein.

Nicht jede/r Patient*in möchte diese Frage hören: So geht es zum Beispiel auch Ian Parrington-Fester, der seinen Praxisbesuch ähnlich wie einen Termin in der Auto-Werkstatt beschreibt – nämlich als reine Dienstleistung. Für Bildungsmanager Wolfgang Vorhagen kommt es hingegen darauf an, wer fragt und vor allem wie gefragt wird. Erwartet das Gegenüber eine ernsthafte und ausführliche Antwort oder handelt es sich bei der Frage um eine reine Floskel?

Jan Großer betonte, dass er sich bei seinem letzten Arztbesuch über diese Frage gefreut hat. In seiner Rolle als Psychiater ergänzte er, dass es bei der Reaktion auf diese Frage vor allem darauf ankommt, wie der/die Einzelne Ereignisse bewertet und verarbeitet. Aber nicht nur für den/die Patient*in ist die Frage „Wie geht es Dir?“ oft eine Herausforderung, auch auf der anderen Seite des Schreibtisches ist dies der Fall. Anette Strehlow, HIV-Schwerpunktärztin in Düsseldorf, überlegt sich sehr genau, wann und wem sie diese Frage stellt.

Herausforderungen auf beiden Seiten

Auf beiden Seiten kommen weitere Hürden hinzu: Besonders Frauen sind als Patientinnen oft zu rücksichtsvoll. Sie fassen sich kurz und versuchen, ihrem/r Ärzt*in nicht die Zeit zu stehlen. Die Ärzt*innen wiederum wollen und müssen allein aus Selbstschutz eine gewisse Distanz zu ihrem Gegenüber aufrechterhalten. Ein Verhältnis der beiden Seiten auf Augenhöhe, so Bildungsmanager Wolfgang Vorhagen, ist seit der Einführung der anti-retroviralen Therapie (ART) in vielen Fällen nicht mehr vorhanden. Die gefühlte Hierarchie hat sich seitdem verändert: Nicht nur Migrant*innen haben gelernt, dass meist eine „höfliche“ und vor allem kurze Antwort erwartet wird, so eine Diskutantin. Ärztliche Praxen vergeben Termine meist im 10 Minuten-Takt, für ein längeres Gespräch oder Patient Empowerment viel zu wenig Zeit.

Das Beste aus dem Besuch machen

Dieser Zeitknappheit möchte Anette Strehlow in ihrer Praxis entgegenwirken. Sie vergibt entweder Termine am Ende der Sprechstunde oder „Doppeltermine“, wenn sie weiß, dass auf die Eingangsfrage „Wie geht es Dir?“ ein längeres Gespräch folgen wird. Als Mensch mit HIV wiederum, so Vorhagen, kann es eine Hilfe sein, sich vor dem Praxisbesuch bereits zu überlegen, wie viel von sich selbst man preisgeben will und vielleicht bereits Antworten vorzuformulieren. Notwendig ist auf jeden Fall ein gutes Vertrauens¬verhältnis zwischen Patient*in und dem/der behandelnden Ärzt*in, in dem auch Sexualität oder Substanzgebrauch unbefangen angesprochen werden können. In der Diskussion mit den Teilnehmenden war man sich einig, dass – sogar in HIV-Schwerpunktpraxen - viele Ärzt*innen bei diesen persönlichen aber doch so wichtigen Themen auch heute noch verklemmt sind. Dabei sind eine offene Kommunikation gerade bei diesen Themen nötig, denn sie können für die Gestaltung der HIV-Therapie eine wichtige Rolle spielen. 

Die Patient*innen wiederum müssen sich darüber klar werden, wie viel Verantwortung sie übernehmen wollen und können, und was sie hinterfragen sollten. Beide Seiten können so voneinander lernen. Eine Zuhörerin ergänzte, dass das Vertrauensverhältnis entscheidend sei und: „Ob der Auto-Mechaniker aufs Display guckt oder die Ärztin auf den Bildschirm guckt anstatt in die Augen - das ist der Unterschied.“

Empowerment für beide Seiten

Jan Großer fragt als Psychiater einzelne Themen dezidiert ab, um das Gefühl zu vermitteln, dass er sich für individuelle Probleme interessiert – und vor allem um herauszufinden, was sich sein Gegenüber wünscht. Es sei wichtig, Patient*innen zu zeigen, dass man sich für sie interessiert, betonte auch Anette Strehlow als Ärztin. Jeder Mensch will wahrgenom¬men werden und keine Nummer sein – das gilt für beide Seiten.

Menschen mit HIV rät Ian Parrington-Fester, nachzufragen, warum bestimmte Maßnahmen notwendig sind. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie HIV können beide Seiten voneinander und miteinander lernen. In der Diskussion wurde an das Berliner Modell als Beispiel hierfür erinnert, in dem in den 1990er Jahren Aidshilfen, Schwerpunktpraxen und NGOs zusammenarbeiteten. Auch heute könnte eine solche interdisziplinäre Ausrichtung zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Das Fazit der Diskussion ist eindeutig: Man dürfe sich als Patient*in auch ruhig selbst in die eigene Behandlung einbringen. Um die Frage „Wie geht es dir?“ dabei bestmöglich zu nutzen und ein Empowerment auf beiden Seiten zu schaffen, sind die entscheidenden Punkte der Aufbau von Vertrauen, Authentizität, eine gute Bildungsarbeit und vor allem beidseitige Empathie und Toleranz.