Was wollen, was brauchen Menschen mit HIV wirklich?

Um diese Frage ging es in einer Campfire-Veranstaltung beim DÖAK in Hamburg. Unter dem Titel „1 Pille und unter Nachweis = Alle zufrieden? Was wollen Menschen mit HIV wirklich: eine 360 Grad Diskussion“ diskutierte Harriet Langanke mit Franziska Borkel, Christiane Cordes, Wolfgang Vorhagen und Jan Großer. 

Die HIV-Therapie wirkt hervorragend, so die Schwerpunktärztin Christiane Cordes, aber die Therapie ist in der Lebenswirklichkeit von Menschen, die mit HIV leben, nur einer von vielen Puzzlesteinen. Partnerschaft, Arbeitsumfeld, Leistungsdruck und anderes kommen dazu – Burnout und psychische Probleme können die Folge sein. Und: Adhärenz wird nicht nur von der Tablettenzahl bestimmt.

„Pieks, Rezept, Tablette“ – damit kommt Franziska Borkel problemlos zurecht, das ist schnell erledigt und macht nur einen winzigen Teil ihres Lebens aus. Mit den verschiedenen Facetten ihres Lebens sieht sie sich und andere Menschen, die mit HIV leben, in der Arztpraxis nicht immer wahrgenommen. Dabei stellt die Arztpraxis einen der wenigen Orte dar, an denen alle Aspekte im Leben eines Menschen mit HIV offen angesprochen werden könnten – eine Art „Rettungsanker“. Beratungsangebote und Hilfe zu bekommen bleibt trotz Hilfe durch die Schwerpunktpraxis oft schwierig - nicht zuletzt, weil auch in der Großstadt Beratungsangebote für Menschen mit einer HIV-Infektion nicht einfach zu finden sind.

Fragt man den Bildungsmanager Wolfgang Vorhagen, so spielt für viele junge Männer das Thema Coming-out eine große Rolle, während Langzeitpositive mit anderen Problemen wie dem Trauma Aids, dem Verlust von Freunden, Partnern und Weggefährten kämpfen. Allen gemeinsam ist weiterhin die immer noch gegenwärtige Diskriminierung von Schwulen und Trans-Menschen, auch HIV ist heute oft noch ein Stigma.

Jan Großer ergänzte, dass im Gespräch mit seinen Klienten dank PrEP und antiretroviraler Therapie HIV kein Thema mehr ist. In den Gesprächen zum Thema Sex wird vordergründig zwar der Spaß genannt, viele Männer suchen aber im Grunde emotionale Nähe, Anerkennung und die Möglichkeit einer Flucht aus dem Alltag.


Hilfsangebote und Empowerment

Sucht man Hilfe, stößt man auf einen Flickenteppich - und „Angebot gefunden“ heißt noch lange nicht „Beratung/Therapie erfolgreich“. Hinzu kommt, dass auch, wo die Versorgung gut ist, die Angebote für Frauen, Trans-Menschen und heterosexuelle Männer oft begrenzt sind. Die Teilnehmer_innen waren sich einig: Vernetzung, Kommunikation, Lernen von- und aneinander sowie Sensibilisierung für die Probleme von Menschen mit HIV sind notwendig.

Werden alle, auch uneingestandene, Lebensumstände adäquat berücksichtigt, versetzt man Menschen, die mit HIV leben, in die Lage, sich um sich selbst kümmern zu können: Empowerment. Schwerpunktärztin und Berater können dabei eine Lotsenfunktion übernehmen; sie können die vorhandenen Möglichkeiten aufzeigen, Verbindungen herstellen und Hilfe vermitteln.

Probleme bei der Beratung erkennen

Aber wie stellt man fest, ob Menschen, die vor einem sitzen, Probleme haben? Scham auf beiden Seiten, Unsicherheit und Zeitdruck im Praxisalltag stellen wichtige Hürden dar.

Nachfragen wie „Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?“, „Wann hatten Sie das letzte Mal nüchternen Sex?“, „Wie erleben Sie Chemsex?“, „Sind Sie mit Ihrem Sexualleben glücklich?“ können im Gespräch als Türöffner dienen. Wichtig ist es dabei, nicht nur eine offene Frage zu stellen, sondern auch den richtigen Ton zu treffen. Um dem Zeitdruck aus dem Weg zu gehen, baut Christiane Cordes darauf, nach dieser Eröffnungs-Frage falls notwendig einen separaten Termin für ein ausführlicheres Beratungsgespräch zu vereinbaren.

Probleme in der Partnerschaft können die Situation weiter verkomplizieren – wie umgehen mit einer STI nach Sex außerhalb der Partnerschaft? Was tun, wenn die Partner nicht miteinander reden können? Wie eventuellen Abhängigkeiten begegnen? Für Jan Großer und Christiane Cordes sind Einzelgespräche eine gute Möglichkeit, auf jeden der beiden Partner einzugehen. 

Was wird gebraucht?

Nicht jede_r, der HIV hat, braucht auch eine Therapie und keine_r braucht den moralischen Zeigefinger, der Menschen mit HIV immer noch hin und wieder gezeigt wird. Während zu Beginn der HIV-Epidemie das Überleben im Vordergrund stand, haben Menschen mit HIV heutzutage viele Prioritäten. 

Jede Gruppe – Frauen, MSM, Chemsex-User, Sex-Worker, Migrant_innen, Trans-Menschen, Schwangere, Drogengebraucher – hat dabei zwar spezifische Probleme und Fragen, viele Themen überlappen sich jedoch auch – eine Chance, voneinander zu lernen. Ärztinnen und Ärzte mit einer „offenen Tür“ können da Orientierungshilfe anbieten.

Auf die abschließende Frage von Harriet Langanke, welcher Punkt den Einzelnen am wichtigsten sei, antwortete die Runde:

  • Verbindung(en), offen für ein Gespräch bleiben
  • Reflexion (Was fehlt mir? Was brauche ich?)
  • Interesse und Mitgefühl auf beiden Seiten
  • Gewaltfreie Kommunikation
  • Mut (auf beiden Seiten!)

Wenn all diese Punkte erfüllt sind, könnte neben „1 Pille und unter Nachweis“ auch das Ziel „Alle zufrieden“ erreicht werden.